Electra 1996 Schneeberg
Bericht aus der "Freien Presse" (Ausgabe Aue) vom 24.02.1996

Energiebündel dreht auf wie "nie zuvor"
Begeisterung bei "Electra" - Musiker als Ordnungshüter

Electra SCHNEEBERG (AH). "Es war wie 1973: der gleiche Sound, gediegene Musik, anspruchsvolle Texte. An den Rockern sind die Jahre aber auch nicht spurlos vorbeigegangen." Klaus-Jürgen Glowka von der Schneeberger Gruppe "Kurs" zählte zur Gästeschar, die schon vor 23 Jahren Besucher eines Konzertes von "Electra" waren.
Gleich ihm hatten sich mehrere Altrocker des Landkreises in der "Goldnen Sonne" in Schneeberg getroffen. Sie erwarteten etwas, das mit Nostalgie sicher nur ungenügend beschrieben ist. Ein Stück erlebte Geschichte-aber da war noch mehr. Im Publikum sah man nicht nur in die Jahre gekommene Besucher, die mit leichter Außenwölbung im Bauch- und Hüftbereich belastet sind und oft schütteres Haar haben. Auch viele jünge Leute gesellten sich unter die mehr als 150 Gäste.
Im Sound der 70er Jahre groß geworden, orientierte sich "Electra" an "Jethro Tull". Was für letztere Ian Anderson, ist Bernd Aust für "Electra": immer noch ein Energiebündel und immer noch exzellent sein Part an Querflöte und Altsaxophon. Aust prägt noch heute jenes unverwechselbare Klangbild der Dresdner Band. Nicht mehr alle von damals sind heute noch dabei, aber einer, dessen Wurzeln ganz tief in der Gruppe stecken, steht wieder mit auf der Bühne: Stephan Trepte. Markant seine rauhkehlig-zarte, ausdrucksvolle bis ins Pathetische reichende Stimme. Er paßt wieder in die Formation. So hat Trepte den ersten großen Hit der Band "Tritt ein in den Dom" maßgeblich geprägt.
Auch aus der Zeit mit "Reform" wurden einige Titel in das "Electra"-Repertoire aufgenommen. Geschadet hat es nicht. Balladenhafte Titel ließen Trepte ausreichend Raum, mit der Band zu arbeiten. Nur die Tontechnik hatte es schwer, die Stimme auszusteuern. Mancher Titel konnte leider nur aus dem Gedächtnis textlich verstanden werden. Am Gesamteindruck rüttelte das nicht.
Was Stephan Trepte kann, zeigte die Zugabe. "Unplugged" erklang "Seh in die Kerzen" -Erinnerungen an die Klaus-Lenz-Ära. Die alten Titel, auf die die Besucher gewartet hatten, kamen doch noch. Dazu neuere, die die Suche der Band nach Inhalten und Profil zeigen. Seit einem Jahr wird an der nächsten CD gebastelt, doch die Band will sich noch Zeit lassen.
Als der erste große Hit von "Jethro Tull" - "Locomotive Breath" - angespielt wurde, hielt es einige nicht mehr auf ihren Sitzen. Es fehlte auch der "Türkische Marsch" mit einem furiosen Aust nicht, und natürlich "Nie zuvor". Ein Titel, bei dem man auch heute noch ausflippen kann, wie es ein Fan und Bernd Aust zeigten. Der Musiker nämlich kam von der Bühne und wurde zum Ordnungshüter. Mit Gewalt drängte er den Fan von der Bühne und stieß ihn in die Stuhlreihen, "Der war schon bei einem Konzert in Affalter aufgefallen und wollte nicht akzeptieren, daß wir kein reines 'Electra'-Konzert machen. Den Veranstalter hatte ich auf diesen Typ aufmerksam gemacht. Ich lasse mir mein Konzert nicht von so einem zerstören", so Austs Sicht zu einem Zwischenfall, den keiner im Publikum verstehen konnte und der völlig unnötig war.