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Ohrenschmaus von 23 Glocken
55. Carillon-"Geburtstag" in Lößnitz vortrefflich gefeiert - Stimmung
auf dem Marktplatz bei Musik und Tanz
Von unserem Mitarbeiter Klaus Spitzer
LÖSSNITZ. Anläßlich seines 55jährigen Geburtstages stand das Carillon, das Glockenspiel,
im Mittelpunkt der Lößnitzer Pfingstfesttage. Eine ehemalige Lößnitzerin, die Chemnitzer
Geschäftsfrau Clara Pfauter, hatte diesen Klangapparat 1938 ihrer Heimatstadt gestiftet. 1939
zu Pfingsten wurde er eingeweiht und exakt 55 Jahre später, Pfingsten 1994, fand die
Geburtstagsfeier statt, mit einem großen Rahmenprogramm.
Die 23 Glocken des seltenen Instrumentes sind in zwei Oktaven chromatisch gestimmt, werden
über eine Klaviatur mit Klöppeln angeschlagen und erzeugen den in Europa schon seit dem
9. Jahrhundert bekannten typischen Klang. Hin und wieder gibt es große Carillon-Festspiele,
in Frankreich, wo dieses Instrument geboren wurde, oder in Holland und Belgien. In Lößnitz
demonstrierten am Sonnabend und am Sonntag mehrere Glockenspieler ihr Können, im Solo und
auch gemeinsam mit Posaunen oder dem Musikkorps der Bergstadt Schneeberg, wie am Sonntag
nachmittag.
Kantor Jens Staude und Barbara Schöberl (beide aus Lößnitz) gestalteten mit dem Saalfelder
Knut Schieferdecker die Glockenspielkonzerte. Zur Geburtstagsfeier des Lößnitzer Carillons
kamen viele Gäste, die sich auf dem Markt glänzend unterhielten. Der Chor der Mittelschule
Neustadt unter Leitung von Claudia Schöniger erfreute mit Frühlings- und Wanderliedern (und
einer ausgezeichneten Solistin), wie auch die Lößnitzer Akkordeongruppe und Bläser der
Stadtmüsikanten, begleitend und mit eigenem Programm.
Sie wurden abgelöst von den Obervogtländer Blasmusikern aus Markneukirchen mit Böhmischer
Blasmusik. Im Gegensatz zu den Lößnitzer Stadtmusikanten, die an jungem Nachwuchs dringend
interessiert sind, sind die Vogtländer eine junge Truppe. 22 Jahre zählt der Altersdurchschnitt
der Musikinstrumentenbauer, Maler und Schüler. Während sie noch die "Weißen Birken" besangen,
probte in der Johanniskirche noch einmal der Kirchenchor mit dem "Convivium musicum" aus
Chemnitz für das am späten Nachmittag stattfindende Festkonzert. In diesem Programm wird im
Agricola-Jahr der Musik vergangener Jahrhunderte Reverenz erwiesen. Im zweiten Teil wird an
die Tafelmusik aus dem l6. und 17. Jahrhundert, an musikalische Bräuche zur Mahlzeit bei Hofe
erinnert und schließlich übergeleitet zu geislicher Musik, zum Pfingstfest.
Höhepunkt: eine siebenstimmige Motette, die am Nachmittag bei der Probe noch gar nicht so
recht klappen wollte.
Am Johannisplatz kümmerte sich der Lößnitzer Heimatverein um die Kinder. Mit einem
Bratwurstgrill wurden leibliche und an der Bastelstraße spielerische Bedürfnisse befriedigt.
Dazu erklang immer wieder das Glockenspiel: von "Freut Euch des Lebens" bis zur "Vogelhochzeit".
Zeitgleich fand das internationale Fußballturnier des FC 1910 Lößnitz im Stadion statt, und
einige Organisatoren meinten, daß man mit dieser Terminplanung nicht gut beraten war. Während
es manchen Mann zum Fußball zog, genoß die Gattin den Ohrenschmaus auf dem Markt.
Erst kurz vor 20 Uhr abends kam das Adlatus- Blasorchester Schlema zum Zuge, aber da hatte es
schon leicht zu regnen begonnen und der Markt hatte sich fast geleert. Auf der Terrasse vor
dem ehemaligen Stadtcafe spielte die Gruppe "Horizont" aus Lößnitz und auf der nassen
Straße vor dem Rathaus fanden sich einige Paare zu einem Tanz. Die meisten hatte das feuchte
und wolkenreiche Wetter nach Hause an den Fernseher getrieben.
Nur ein weißer Spitz mischte sich unter die Tanzenden und bellte:
Morgen am Sonntag wird es noch schöner! Da klang es wieder vom Kirchturm, von Posaunen und dem
Glockenspiel zum Abschlußkonzert, auch mit dem Schneeberger Musikkorps. Wer anschließend noch
tanzen wollte, durfte sich auf das Orchester "Parohanka" aus Cheb freuen. Und die Pfingstsonne
lachte am Sonntag freundlicher als am Tag zuvor, als Dank für die vortrefflichen Bemühungen
der Lößnitzer bei ihrem Stadtfest.
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